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„Die Kultur der Gehörlosengemeinschaft - Unterschiede und Gemeinsamkeiten im Vergleich zur hörenden Gemeinschaft“

Zu diesem Thema gibt es insgesamt 3 Module - eine Übersicht finden Sie hier:

Modul 1:

Die Kultur der Gehörlosen - eine sprachliche Minderheit

 

1.1. Einführung

1.2. Die Kultur der Gehörlosen

1.2.1. Die gemeinsame Sprache - die Gebärdensprache

1.2.2. Einen gemeinsamen Ort der Begegnung

1.2.3. Die Schulzeit

1.2.4. Gehörlose Eltern

1.3. Identität

 

Modul 2

Die Geschichte der Gehörlosen und Besonderheiten der Gebärdensprache

 

2.1. Einführung und Geschichte

  • Pedro Ponce de León (1516-1584)
  • Étienne de Fay (1669-1746)
  • 1. Gehörlosenschule der Welt
  • Abbé Charles de l’Épée (1712-1789)
  • Samuel Heinicke (1727-1790)
  • 1. Gehörlosenverein der Welt
  • 1. Gehörlosenschule in den USA - „Gallaudet“
  • Mailänder Kongress (Italien)
  • Nationalsozialismus (1933-1945)
  • Nach dem Zweiten Weltkrieg
  • Heute

2.2. Besonderheiten der Gebärdensprache

  • Mimik
  • Mundbild / Mundgestik
  • Absehen
  • Gebärdenraum
  • Gebärden
  • Parameter / Elemente einer Gebärde
  • Fingeralphabet
  • neue Gebärden
  • Schriftsprache

Modul 3

Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Gehörlosen und Hörenden

 

3.1. Unterschiede zwischen Gehörlosen und Hörenden

3.1.1. Äußere Merkmale:

  • Körperkontakt
  • Blickkontakt 
  • Geräusche
  • Mimik und Gestik
  • Dolmetscher

3.1.2. Typische Eigenschaften:

  • Umgangsformen in der Kommunikation
  • Verbreitung von Informationen
  • Argumentation und Rhetorik 
  • Lesekompetenz / Wissen

3.2. Gemeinsamkeiten zwischen Gehörlosen und Hörenden

 

 


Modul 1:  Die Kultur der Gehörlosen - eine sprachliche Minderheit

Modul 1

Die Kultur der Gehörlosen - eine sprachliche Minderheit

 

1.1. Einführung

Gibt es wirklich eine „Gehörlosenkultur“? Gibt es tatsächlich Unterschiede zwischen gehörlosen und hörenden Menschen, obwohl sie alle in ein und demselben Land leben?

 

Auf jeden Fall! Über die Kultur der Gehörlosen gibt es zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen und Veröffentlichungen im In- und Ausland. Je nachdem, wie Gehörlosigkeit bewertet wird, wird sie als Behinderung oder als Bereicherung in Form einer eigenen Kultur betrachtet und erlebt. Gehörlosigkeit ist daher als Abgrenzung zwischen zwei „Welten“ zu sehen: Die der Gehörlosen und die der mehrheitlich Hörenden. Die unterschiedliche Sinneswahrnehmung bzw. das fehlende oder stark eingeschränkte Hörvermögen bedingt unterschiedliche Interaktions- und Kommunikationsmuster. Durch die starke Eingebundenheit in einer eigenen kulturellen Gemeinschaft, grenzen sich Gehörlose durch eigene Bedürfnisse, Lebensumstände und ihre Gebärdensprache von der Kultur der Hörenden ab.

 

Durch verschiedene Erfahrungen und Einflüsse entwickeln sich Gruppen/Gemeinschaften unterschiedlich - nicht nur Gehörlose, sondern auch andere Gruppen z.B. aufgrund ihrer ethnischen Herkunft, Sprache und Traditionen. So haben z.B. Gehörlose in Deutschland -  im Vergleich zu Hörenden - eine andere Geschichte und andere Erfahrungen aufgrund ihrer Gehörlosigkeit erlebt. Sie entwickelten eine andere Sprache, eine andere Wahrnehmung und damit auch ein anderes Verhalten sowie eigene Kunstformen (Gebärdensprachpoesie, Theater, etc.).

 

Die eigene Kultur zu beschreiben und zu erklären ist manchmal schwierig. Wächst man in einem bestimmten Kulturkreis auf, kennt man die Normen und Verhaltensregeln von klein auf. Sie müssen gar nicht immer erklärt werden, sie sind selbstverständlich. Sie werden intuitiv erfasst und jeder weiß, was ein „normales“ oder übliches Verhalten ist. Verhält sich jemand anders, kann dies einen „Regelverstoß“ bedeuten, derjenige fällt auf.

 

Ein intensiver Austausch über beide Kulturen - die Kultur der Gehörlosen und die Kultur der Hörenden -, trägt dazu bei, die Sichtweise auf die jeweils andere Kultur zu verändern. Meistens kennen sich die jeweiligen Kulturen nicht oder nicht gut genug. Durch Aufklärung und Aufzeigen von Unterschieden und Gemeinsamkeiten könnten Vorurteile abgebaut werden und der jeweils anderen Kultur mehr Verständnis und Akzeptanz entgegengebracht werden.

Eine gute Kulturkompetenz bedeutet weniger Konflikte und Missverständnisse und führt zu mehr Empathie, Wohlwollen und einem unkomplizierteren Miteinander.

 

 

1.2. Die Kultur der Gehörlosen

Sprache und Kultur sind direkt miteinander verbunden, daher ist eine Gehörlosenkultur ohne Gebärdensprache gar nicht denkbar. Die Kultur der Gehörlosen wird durch ihre Mitglieder selbst gestaltet und geprägt, indem sie anhand eines dichten Netzwerks Kontakte pflegen, sich austauschen und gegenseitig informieren. Von Kindheit an sind sie meist Teil der Gehörlosengemeinschaft und werden so auf diese Weise entsprechend sozialisiert.

 

Die Kultur der Gehörlosen zeichnet sich im Wesentlichen durch folgende prägende Faktoren aus:

 

1.2.1. Die gemeinsame Sprache, die Gebärdensprache:
Die Gebärdensprache gilt in der Gehörlosengemeinschaft als das identitätsstiftende Merkmal und verfügt, wie andere Sprachen auch, über eine eigene Grammatik und eine große stilistische Bandbreite, von der Alltags-DGS über wissenschaftliche Abhandlungen  bis hin zur Gebärdensprachpoesie. 

 

Sie ist von Land zu Land unterschiedlich (in Deutschland die „Deutsche Gebärdensprache“ (DGS), in den USA die amerikanische Gebärdensprache „American Sign Language“ (ASL), etc.). Innerhalb der Länder gibt es verschiedene Dialekte - wie in den Lautsprachen auch. Kurzum, sie ist eine vollwertige Sprache, die in einigen Ländern inzwischen auch offiziell als Sprache anerkannt wurde.

(Mehr Informationen siehe Modul 2)

 

1.2.2. Einen gemeinsamen Ort der Begegnung:

Z.B. der örtliche Gehörlosenverband, verschiedene Gehörlosenvereine zu bestimmten Freizeitaktivitäten wie Skatclubs, visuelles Theater, Sportvereine etc. Hier kann Austausch, Sport und Spaß ohne Kommunikationsbehinderung stattfinden.

Der soziale Kontakt und Zusammenhalt ist für Gehörlose sehr wichtig, auch über größere Entfernungen hinweg. Durch ihren gebärdensprachlichen Austausch knüpfen sie innerhalb der Gehörlosengemeinschaft Beziehungen, die zu einem großen Netzwerk ausgebaut werden. Durch die heutige Technik (Handy, PC, Skype, etc.) ist dies inzwischen sehr gut möglich. Von dieser Struktur können viele Gehörlose profitieren, denn wichtige Informationen, wie Gesetzesänderungen oder besondere Ereignisse, können so schnell verbreitet werden.
Bei eventuellen bedrohlichen Veränderungen - wie z.B. Entfernen der Dolmetscher-Einblendung in den TV-Nachrichten, Kürzungen der Dolmetscherbudgets, Schließen von Gehörlosenschulen, Abbau der Untertitelung im TV, etc., - können Gehörlose heute schneller und effektiver Proteste oder Demonstrationen organisieren, um z.B. gegen solche Beschlüsse vorzugehen. Durch diesen intensiven Zusammenhalt können die für die Gehörlosengemeinschaft so wichtigen kulturellen Werte verteidigt und bewahrt werden. 

 

1.2.3. Die Schulzeit:

In Gehörlosenschulen oder Internaten lernen gehörlose Kinder und Jugendliche von einander, indem sie im täglichen Miteinander Gebärdensprachkenntnisse erwerben oder vertiefen (die meisten gehörlosen Kinder haben hörende Familien!). Dort entwickeln sie auch ein kulturelles Bewusstsein, was für die eigene Identität als gehörlose Person und ein damit verknüpftes Selbstvertrauen wichtig ist. Kinder, die sich schon früh mit der Gehörlosenkultur identifiziert haben oder sich mit ihr identifizieren konnten, dienen hierbei oftmals als sprachliche und kulturelle Vorbilder.

 

Daher ist die gemeinsam erlebte Schulzeit für viele Gehörlose bis ins hohe Erwachsenenalter ein verbindendes Element oder ein erster Anknüpfungspunkt in einem Gespräch mit einem unbekannten Gesprächspartner (auf welcher Schule warst du?).

 

1.2.4. Gehörlose Eltern:

Ein wichtiger Baustein für die Gehörlosenkultur sind auch die gehörlosen Eltern, da sie die Traditionen der Gehörlosengemeinschaft an die nächste Generation weiter gegeben. So bleiben Wertvorstellungen und Bräuche der Gehörlosen erhalten (eigener Humor, Namensgebärden, vor dem Essen zweimal auf den Tisch klopfen, für Beifall mit den Händen wedeln, lange Verabschiedungen,…) sowie bestimmte Verhaltensregeln (Blickkontakt, Zeigen mit dem Zeigefinger, Tippen auf die Schulter, gute Lichtverhältnisse,…).

 

 

1.3. Identität

Wer sich positiv mit der Gehörlosenkultur und als gehörlose Person identifizieren kann, entwickelt auch ein positives Selbstbild: Ich bin gehörlos oder ich bin taub! Gehörlose empfinden sich dann als gleichberechtigte und selbstbewusste Persönlichkeit, die lediglich in Gebärdensprache kommuniziert. Gehörlosigkeit wird nicht als Krankheit im klassischen Sinne oder Mangel wahrgenommen, sondern ist Ausdruck einer sprachlichen und kulturellen Minderheit. Durch ein positives Selbstbild können eventuelle alltäglichen Schwierigkeiten bei der Kontaktaufnahme mit Hörenden, im privaten Bereich, während der Ausbildung oder im Arbeitsleben besser bewältigt und angenommen werden. 

 

Manche Gehörlose erleben Gehörlosigkeit aber auch als Mangel oder tatsächlich als Behinderung. Manche versuchen ihre Hörbehinderung auch zu verstecken, was zunächst gut möglich ist, da sie ja äußerlich nicht sichtbar ist wie z.B. bei einem Rollstuhlfahrer. Erst im Kontakt mit Hörenden wird eine Hörbehinderung auf irgendeine Art und Weise auffällig (beim Ansprechen auf der Straße, Besuch von Institutionen und Behörden, Schriftverkehr,..). Die Unterscheidung von manchen Gehörlosen, wer eher lautsprachlich (hörend) oder gebärdensprachlich (taub) orientiert ist, kann auch innerhalb der Gebärdensprachgemeinschaft zu Spannungen und mangelnder Akzeptanz führen.

 

Die erstellten Lernmaterialien sind Bestandteil des Projekts “Being Deaf in an Inclusive Europe”, ein Erasmus+ Programm mit der Referenz-Nr. 2015-1-RO01-KA204-015071. Dieses Projekt wird finanziell durch die Europäische Kommission gefördert.

Haftungsausschluss: Die entwickelten Lernmaterialien geben lediglich die Meinung der Verfasser wieder. Die Nationale Agentur und die Europäische Kommission sind nicht für die Inhalte und deren weiteren Verwendung verantwortlich.

 


Modul 2: Die Geschichte der Gehörlosen und Besonderheiten der Gebärdensprache

Modul 2 - Teil 1

Die Geschichte der Gehörlosen und Besonderheiten der Gebärdensprache

 

2.1. Einführung und Geschichte

Ein wichtiges und identitätsstiftendes Merkmal der Gehörlosenkultur ist die Gebärdensprache. Die meisten Hörenden wissen nicht viel über diese Sprache - noch nicht einmal, dass es überhaupt eine richtige Sprache ist. Auch Gehörlose konnten sich lange Zeit selbst nicht vorstellen, dass sie eine Sprache verwenden, die vergleichbare grammatikalische Strukturen mit Lautsprachen hat. Lange Zeit wurde die Gebärdensprache unterdrückt und damit auch die Menschen, die diese Sprache verwendet haben. Das Gebärden wirkte auf Hörende oft wie wildes Gestikulieren, vergleichbar mit Pantomimen und wurde sogar als „Affensprache“ bezeichnet.

 

Das Denken stand früher in direktem Zusammenhang mit der Sprache, der Lautsprache (nur wer sprechen kann, kann auch denken (Platon)…). Daher wurden Gehörlose oft für dumm gehalten (Begriff taubstumm = heute diskriminierend). Sie gehörten meistens zur untersten sozialen Schicht oder waren sogar rechtlos. 

Da Gehörlosigkeit aber auch in reichen oder adeligen Familien vorkam, gab es ein Problem: Denn Gehörlose waren in früheren Zeiten nicht erbberechtigt, wenn sie nicht sprechen konnten. Es wurde also nach Lösungen gesucht, wie man diesen gehörlosen Familienmitgliedern das Sprechen beibringen könnte, damit bewiesen war, dass sie denkende Menschen sind und damit auch erbberechtigt.

Auch die Kirche war daran interessiert, sich um das Seelenheil der Gehörlosen zu kümmern. Sie suchte nach Wegen, wie sie den Glauben auch ohne gesprochene Worte verbreiten könnte. 

 

So war es für die damalige Zeit durchaus üblich, dass gehörlose Kinder, meist aus wohlhabenden oder adeligen Familien, in Klöstern unterrichtet wurden. Erste Berichte stammen aus Spanien (16. Jh.), z.B. von einem hörenden Mönch namens Pedro Ponce de León (1516-1584). Er unterrichtete Gehörlose mit Erfolg in Lautsprache und anderen Fächern und verwendete dabei auch Einzelgebärden und eine Art Fingeralphabet. Damit lieferte Ponce de León schon früh den Beweis, dass auch Gehörlose lesen, schreiben, denken und sprechen können und damit bildungsfähig sind.

 

Diesen Beweis lieferte z.B. auch der Gehörlose Étienne de Fay (1669-1746) in Frankreich. Er war nicht nur Mönch, sondern auch Lehrer für Gehörlose und Architekt. Berühmt wurde er durch den Auftrag, Pläne für den Wiederaufbau der Abtei von Saint-Jean d’Amiens zu entwerfen. Diese konnten allerdings erst nach dem 2. Weltkrieg tatsächlich verwirklicht werden.

Als Lehrer verwendete er jedoch, ebenfalls mit Erfolg, die Gebärdensprache und die Schriftsprache.

 

Die 1. Gehörlosenschule der Welt wurde in Paris/Frankreich gegründet und zwar im Jahre 1760 von dem hörenden Mönch Charles de l’Épée (1712-1789), der die Gebärdensprache von den Gehörlosen erlernt hatte. In seinem Unterricht verwendete er Gebärdensprache und Schriftsprache und entwickelte die sogenannten „methodischen Gebärden“ (ähnlich wie LBG), die ein Kompromiss zwischen der Gebärdensprache und der Lautsprache waren. Er vertrat hiermit für den Unterricht von Gehörlosen die „Gebärdensprachmethode“.

 

Der Mönch de l’Épée hatte zu seiner Zeit einen bedeutsamen Gegenspieler: den hörenden Deutschen Samuel Heinicke (1727-1790). Heinicke leitete ab 1778 die 1. deutsche Gehörlosenschule in Leipzig und vertrat die Ansicht, dass Gehörlose in Lautsprache unterrichtet werden sollten, die sogenannte „Lautsprachmethode“. Er verwendete zwar auch Gebärden in seinem Unterricht, jedoch nur als Hilfsmittel und nicht als Unterrichtsmethode.

 

Beide Methoden, lautsprachlicher und gebärdensprachlicher Unterricht, existierten lange Zeit nebeneinander, auch in verschiedenen Mischformen.

 

Mit den ersten Schulgründungen in Frankreich, England, Deutschland und anderen Ländern begann auch die Bildung der Gehörlosen, wodurch sich auch Gehörlosengemeinschaften entwickeln konnten. Gehörlose Kinder und Erwachsene kamen, meist von weit her, in Gehörlosenschulen und Internaten zusammen. Dort fühlten sie sich mehr beheimatet, als mit den Hörenden aus ihren ursprünglichen Wohnorten. Diese Verbundenheit und der besondere gemeinschaftliche Charakter führten an verschiedenen Orten zu Gehörlosengemeinschaften, die - im Vergleich zu Hörenden - andere Erfahrungen, Probleme, Wünsche und Hoffnungen miteinander teilten. So entstand 1838 in Paris schließlich der 1. Gehörlosenverein der Welt.

 

Die 1. amerikanische Gehörlosenschule „Gallaudet“ wurde 1817 gegründet. Aus ihr ging später die „Gallaudet University“ in Washington D.C. hervor. Sie ist noch heute weltweit die einzige Universität speziell für Gehörlose.

Während in den USA für die Bildung und Erziehung Gehörloser überwiegend die Gebärdensprache verwendet wurde und dadurch ein weitaus höheres Bildungsniveau erzielt werden konnte, verwendete man in Europa überwiegend die Lautsprachmethode. D.h. eine orale Erziehung, in der der Schwerpunkt auf den Erwerb der Lautsprache gelegt wurde, z.B. durch Artikulationsunterricht. Bildung wurde auf das Sprechenlernen reduziert und es ging kaum um Inhalte und Wissensvermittlung, was sich auch deutlich im Bildungsniveau Gehörloser bemerkbar machte.

 

Eine dramatische Wende für die Unterrichtung Gehörloser erfolgte im Jahre 1880 durch den internationalen Mailänder Kongress. Zu diesem Kongress wurden überwiegend hörende und lautsprachlich orientierte Gehörlosenlehrer aus verschiedenen Ländern eingeladen. Hier fiel die Entscheidung, die „orale Methode“ als die einzig richtige an allen Gehörlosenschulen einzuführen. Dies hatte zur Folge, dass gehörlose Lehrer aus dem Schulunterricht entlassen wurden und dass die Gebärdensprache an Schulen, selbst in den Pausen, verboten wurde. Kinder die dennoch gebärdeten wurden streng bestraft.

Ein fataler Fehler, wie sich anhand dieses Beschlusses im Verlauf der Geschichte herausstellten sollte.

 

In Deutschland galten Gehörlose zur Zeit des Nationalsozialismus (1933-1945) als „lebensunwert“ und als „Erbkranke“, zum Teil wurden sie als „Schwachsinnige“ eingestuft. Gehörlose sollten von Schulen und Familien den Behörden gemeldet werden, wodurch sie größtenteils der Zwangssterilisation zugeführt wurden und/oder im Rahmen der „Euthanasie-Programme“ umgebracht wurden.

 

Nach dem 2. Weltkrieg herrschte in den deutschen Gehörlosenschulen noch immer die orale Erziehungsmethode vor, weshalb die Kinder dem Unterricht kaum folgen konnten. Die damaligen Lehrer konzentrierten sich hauptsächlich auf den Lautspracherwerb, weniger auf Lerninhalte und Wissensvermittlung. Dies hatte zu Folge, dass auch heute noch, gerade bei älteren Gehörlosen, das Bildungsniveau und die Schriftsprachkompetenz äußerst niedrig sind. Es gab daher nur wenige Berufe, die sie erlernen konnten, wodurch ihr sozialer Status in der Regel niedrig blieb.

So spielte sich das eigentliche Leben für Gehörlose hauptsächlich in den Gehörlosenvereinen ab. Eine Gemeinschaft unter Gleichen, in der die eigenen Werte und Bräuche, eine gemeinsame Geschichte und Erlebnisse und selbstverständlich ihre Sprache, die Gebärdensprache, geteilt und gelebt werden konnten.

 

Selbst heute noch finden sich einige ausschließlich lautsprachlich orientierte Gehörlosenlehrer und Mediziner. Sie glauben nach wie vor, dass für Gehörlose nur mit dem Erwerb der Lautsprache die bestmögliche Integration in die hörende Mehrheitsgesellschaft möglich sei und dass die Gebärdensprache den Lautspracherwerb behindere.

Die Wissenschaft belegt es jedoch anders: Das wichtigste für jeden Menschen sei, überhaupt eine Sprache zu haben, egal ob sie visuell oder lautsprachlich ist. Optimal für gehörlose Kinder wäre eine bilinguale Erziehung und ein bilingualer Schulunterricht, d.h. in Gebärdensprache und in Lautsprache/Schriftsprache, sodass für die Zukunft der Zugang zu beiden Sprachgemeinschaften offen bleibt. So können gehörlose Kinder selbst entscheiden, mit wem sie wie kommunizieren und haben später bessere Möglichkeiten,  beide „Welten“ und Kulturen kennen zu lernen.

 

Heute findet die Gebärdensprache unter Hörenden mehr und mehr Anerkennung und eine Begeisterung für diese Sprache, die so anders ist als die Lautsprachen. Es gibt inzwischen neue Berufe (z.B. Gebärdensprachdolmetscher, Kommunikationshelfer) und z.B. an der Universität Hamburg ein Institut, dass sich wissenschaftlich intensiv mit der Erforschung von Gebärdensprachen und der Kommunikation Gehörloser beschäftigt. Auch digitale Lexika - z.B. zu bestimmten Fachthemen - wurden und werden dort immer noch erstellt. Die Erforschung der Gebärdensprache hat im Wesentlichen zur Anerkennung von Gebärdensprachen beigetragen und den Beweis geliefert, dass es sich hierbei um eine vollwertige und den Lautsprachen ebenbürtige Sprache handelt.

 

Auch in rechtlicher Hinsicht hat sich z.B. in Deutschland und in anderen Ländern einiges getan, wenn auch noch nicht genug: Mit der Anerkennung von Gehörlosigkeit als Behinderung haben Betroffene in Deutschland bestimmte Ansprüche, um diese Behinderung auszugleichen, z.B. Anspruch auf einen Gebärdensprachdolmetscher bei Arztterminen, bei Gericht, für Elternabende in der Schule oder im Kindergarten, bei Polizei und Behörden, etc. Für den privaten Bereich müssen die Kosten für einen Gebärdensprachdolmetscher immer noch selbst bezahlt werden. Dies ist für viele Gehörlose häufig nicht möglich, da die Kosten sehr hoch sind, um sich beispielsweise das Beratungsgespräch bei einer Versicherung oder Bank dolmetschen zu lassen.

 

Auch für technische Notwendigkeiten wie spezielle Signalanlagen für Türklingeln, Wecker oder Rauchmelder, werden die Kosten übernommen. Am Arbeitsplatz steht gehörlosen bzw. schwerhörigen Menschen ebenfalls Unterstützung in Form von technischen Hilfsmitteln oder einer Arbeitsassistenz / eines Dolmetschers zur Verfügung.

 

 

Die erstellten Lernmaterialien sind Bestandteil des Projekts “Being Deaf in an Inclusive Europe”, ein Erasmus+ Programm mit der Referenz-Nr. 2015-1-RO01-KA204-015071. Dieses Projekt wird finanziell durch die Europäische Kommission gefördert.

Haftungsausschluss: Die entwickelten Lernmaterialien geben lediglich die Meinung der Verfasser wieder. Die Nationale Agentur und die Europäische Kommission sind nicht für die Inhalte und deren weiteren Verwendung verantwortlich.

 

 

Modul 2 - Teil 2

Die Geschichte der Gehörlosen und Besonderheiten der Gebärdensprache

 

2.2. Besonderheiten der Gebärdensprache:

Die Gebärdensprache ist keine „Zeichensprache“. Bei den Handbewegungen handelt es sich nicht um starre Zeichen, die einfach aneinandergereiht werden. Eine Sprache ist immer lebendig, flexibel und dynamisch, so auch die Gebärdensprache. D.h. auch komplizierte Abläufe, abstrakte Zusammenhänge etc. können mit ihr dargestellt werden, weil sie ein Grundgerüst hat, nämlich Sprachregeln und eine Grammatik, wie andere Sprachen auch.

Wichtig ist hierbei den Unterschied zu Lautsprachbegleitenden Gebärden (LBG) zu beachten. LBG folgt den Regeln der deutschen Lautsprache (oder auch anderen Lautsprachen) und ist daher eine „visualisierte Darstellung“ der deutschen Lautsprache, eine Kommunikationsform aber keine eigene Sprache!

 

Zu den Sprachinstrumenten der Gebärdensprache gehören die Hände (inklusive der Arme), das Gesicht (Mund, Augen, Augenbrauen) und der Oberkörper.

 

In diesem Modul ist der Text leider noch unvollständig. Wir bitten um Geduld. Vielen Dank :)

 


Modul 3: Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Gehörlosen und Hörenden

Modul 3

Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Gehörlosen und Hörenden

 

Inzwischen ist deutlich geworden, dass es tatsächlich Unterschiede zwischen gehörlosen und hörenden Menschen gibt, obwohl sie auch einen gemeinsamen kulturellen,   gesellschaftlichen, geographischen und politischen Raum teilen.

Um in Kürze einen Überblick zu erhalten, werden hier einige Beispiele zusammen-getragen:

 

3.1. Unterschiede zwischen Gehörlosen und Hörenden

3.1.1. Äußere Merkmale:

 

 

Auch hier ist der Text leider noch unvollständig. Wir bitten um Geduld.

Vielen Dank :)

 

 

 

 

3.2. Gemeinsamkeiten zwischen Gehörlosen und Hörenden

 

Bisher wurde viel über die Unterschiede zwischen Gehörlosen und Hörenden geschrieben und gebärdet. Dies hinterlässt ganz den Eindruck, als wenn es sich hierbei um völlig unterschiedliche Wesen handeln würde - so ist es jedoch nicht. Es gibt natürlich Gemeinsamkeiten!

 

Diese Unterschiede wurden aufgeführt, um zu verdeutlichen, wie es z.B. zu Missverständnissen kommen kann, warum es manchmal schwierig ist sich zu verstehen,  warum es Vorurteile auf beiden Seiten gibt. Gründe hierfür liegen zum einen in der geschichtlichen/politischen Entwicklung, in der Gehörlose als behinderte Person oftmals negative Erfahrungen in allen Lebensbereichen, gerade durch Hörende, machen mussten. Daher besteht auch heute noch zum Teil großes Misstrauen gegenüber Hörenden.

 

Die Gemeinsamkeiten ergeben sich aus den gesellschaftlichen, kulturellen und religiösen Wertvorstellungen, die in dem jeweiligen Land vorherrschen, in dem die Menschen leben. 

 

Jedes Land für sich hat typische Merkmale und Eigenschaften. Es wird geprägt durch die Menschen, die dort aufwachsen oder aus anderen Ländern hinzukommen. Es wird geprägt durch die geschichtliche und politische Entwicklung eines Landes, die geographischen Begebenheiten (Landschaft, Klima, Insel, Festland, etc.), die Kultur, durch Traditionen und Religionen und natürlich auch die Sprachen (Lautsprachen, Gebärdensprachen und Schriftsprachen) usw.

Aufgrund der Kommunikationsbehinderung werden einige Lebensbereiche in vielen Ländern in „hörend“ und „gehörlos“ getrennt. Viele Gehörlosenvereine und Gehörlosenverbände haben eigene Theatervereine, Sportvereine, Veranstaltungen, Informationsabende, Weiterbildungsangebote, verschiedene Freizeitangebote und vieles mehr, die von Gehörlosen für Gehörlose angeboten werden.

 

In einigen Ländern kann mittlerweile beobachtet werden, dass es zwischen Gehörlosen, Schwerhörigen und Hörenden auch gemeinsame Initiativen gibt. In Deutschland gibt es z.B.:

 

  • Gemeinsame Aktivitäten zur Flüchtlingshilfe
  • Theatervereine, in denen Menschen mit unterschiedlichem Hörstatus zusammen Theater spielen und die gemeinsam erarbeiteten Stücke auch aufführen
  • Gemeinsame Sportaktivitäten
  • Interesse an Ausstellungen z.B. in Museen
  • Freizeitangebote und auch
  • Kinofilme oder Fernsehsendungen, in denen Gehörlose mitspielen oder der Film von einer gehörlosen Person oder einer gehörlosen Familie handelt.

 

Stehen die Komplexität einer Hörbehinderung und die damit verbundene Kommunikationsbehinderung nicht im Vordergrund - finden sich Gemeinsamkeiten zwischen Gehörlosen und Hörenden - nur der Mensch an sich zählt, unabhängig vom Hörstatus.

 

 

Die erstellten Lernmaterialien sind Bestandteil des Projekts “Being Deaf in an Inclusive Europe”, ein Erasmus+ Programm mit der Referenz-Nr. 2015-1-RO01-KA204-015071. Dieses Projekt wird finanziell durch die Europäische Kommission gefördert.

Haftungsausschluss: Die entwickelten Lernmaterialien geben lediglich die Meinung der Verfasser wieder. Die Nationale Agentur und die Europäische Kommission sind nicht für die Inhalte und deren weiteren Verwendung verantwortlich.

 


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