Wie kann eine gehörlose Person in Hamburg eine professionelle Ausbildung zum Hamburg-Guide absolvieren?
Eigentlich gar nicht, aber das wollte Eckhard Bull nicht akzeptieren und hat sich dahinter geklemmt.
Wie alles begann...
“Das historische Hamburg in Gebärdensprache erzählt”
Im Jahr 2024 hatte sich Eckhard Bull, ein Hamburger Urgestein, entschieden, den Besucherinnen und Besuchern unsere schöne Hansestadt Hamburg professionell in Gebärdensprache zeigen zu wollen.
Durch Recherchen ist er auf Hamburg Guides e.V. gestoßen, die eine entsprechende Ausbildung anbieten, jedoch nur für Hörende. Die umfangreiche Grundausbildung zur Gästeführerin bzw. zum Gästeführer in Hamburg war jedoch genau das Richtige für Eckhard Bull, denn mit der Grundausbildung zum Hamburg Guide wollte er auch ein richtiges Zertifikat erwerben.
Die Investition, zeitlich und finanziell, ist jedoch groß (ein umfangreicher Stundenplan und - nicht zu vergessen - ein enormer (Kosten-)Aufwand für den notwendigen Dolmetscheinsatz).
Wie lassen sich diese Barrieren verringern?
Nach einigen Treffen mit dem Vorstand von Hamburg Guide e.V., insbesondere der Vorsitzenden Sarah Janning-Picker, wurde vereinbart, diese Ausbildung auch für Gehörlose zu konzipieren, aber nicht nur für 1 Person, sondern gleich für mehrere, die Interesse und Spaß an dieser Ausbildung haben und sich dafür bewerben konnten.
Nach der Veröffentlichung dieser Ausbildungsmöglichkeit blieben schließlich vier entschlossene Teilnehmer*innen übrig. “Das historische Hamburg in Gebärdensprache erzählt", ursprünglich von Eckhard Bull gegründet, wurde nun um drei Mitglieder erweitert. In Zukunft soll diese Gruppe unter einem anderen Namen fortgesetzt werden.
Im Team (gehörlos/hörend), unter der Leitung von Hamburg Guides e.V. (Sarah Janning-Picker und Malte Mischlich), wurden Entwürfe für die Touren und die Ausbildung zum Hamburg Guide zu einem festen Konzept entwickelt. Die langjährigen Erfahrungen seitens Eckhard Bull, flossen ebenfalls mit ein.
Im Laufe der Zeit konnte die Hildegard und Horst Röder-Stiftung für die finanzielle Förderung dieser Ausbildung gewonnen werden und der Gehörlosenverband Hamburg e.V., als organisatorisches Bindeglied zwischen der neu gegründeten Gruppe und der Stiftung. Ohne diese Unterstützung wäre diese einmalige Ausbildung, quasi in Form eines Pilotprojekt, nicht möglich gewesen.
Die Erstellung des Ausbildungskonzepts wurde inzwischen beendet, sodass mit der eigentlichen Ausbildung zum Hamburg-Guide begonnen werden konnte. Das Ausbildungsende mit entsprechendem Prüfungsabschluss wird zum Ende des Jahres 2025 sein.
Ein paar Eindrücke der "Auszubildenden", von der ersten Führung beim Weltgästeführertag („Historische Schätze") am 16.02.2025, wurden fotografisch festgehalten. Diese Tour zeigte die Anfänge der Hansestadt rund um das faszinierende historische Stadtzentrum, zu der selbst die archäologische Ausgrabung "Bischofsburg" aus dem 12. Jahrhundert exklusiv für diese Stadtführung geöffnet. wurde...
Über ein Jahr intensives Lernen und Recherchieren, um das Ausbildungsziel zu erreichen
Soweit uns bekannt ist, gibt es deutschlandweit keine Möglichkeit für Gehörlose, eine derartige Ausbildung zu absolvieren, da dies immer an Kommunikationsbarrieren und selbst zu finanzierenden Dolmetschkosten scheitert und ohnehin geeignete Ausbildungskonzepte fehlen.
Der Berufsverband der Hamburger Gästeführer, Hamburg Guides e.V. (Sarah Janning-Picker und Malte Mischlich), hat sich eingehend mit dieser Thematik beschäftigt und ein eigens für diese Klientel passendes Ausbildungskonzept entwickelt.
Hieran beteiligt war ebenfalls Eckhard Bull, der als langjähriger Stadtführer seine Kenntnisse und Erfahrungen an einigen Tagen während des Unterrichts in das Ausbildungskonzept und bei der Umsetzung der Ausbildungsziele einbringen konnte.
Beide Ausbilder*innen haben diese besondere Form der Ausbildung und zahlreiche Treffen in Theorie und Praxis mit viel Engagement initiiert und begleitet und das Konzept anhand von neuen Erfahrungen während der Ausbildungszeit entsprechend angepasst, sofern notwendig.
Der Gehörlosenverband Hamburg e.V., als Interessenvertretung der Gehörlosen, Schwerhörigen und Spätertaubten, hat insbesondere für die Theorieeinheiten Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt und bei der Gesamtabwicklung sowie der Organisation der Dolmetscheinsätze aktiv unterstützt.
Über einen Zeitraum von ca. einem Jahr fanden monatlich drei bis vier Treffen statt, in Form von praxisorientierten Übungen/ Touren in der Stadt Hamburg, aber auch Theorieeinheiten, die von Dolmetschenden oder Dolmetschteams (aufgrund der zeitlichen Dauer) begleitet wurden. Zu den regulären Ausbildungsterminen kamen noch Eigeninitiativen in Form von Gruppenarbeit und Selbststudium hinzu, die unter den Gehörlosen sowohl an Sehenswürdigkeiten vor Ort stattfanden oder in den Räumlichkeiten des Gehörlosenverbands.
Besucher*innen von außerhalb oder auch Einheimischen die Stadt Hamburg professionell zu zeigen, bedeutet nicht nur gutes Schuhwerk, sondern auch viel Hintergrundwissen, Ideen und natürlich auch Motivation, die Menschen für Hamburg mit seinen besonderen Gebäuden, Ecken und Nischen begeistern zu können.
Im Vergleich zur regulären Ausbildung war dieses Konzept etwas kompakter, es deckte jedoch alle wesentlichen Inhalte wie Methodik, Didaktik, Führungsfertigkeiten in Theorie und Praxis sowie rechtliche Grundlagen ab.
Endlich geschafft...
Es gab noch kleine Verzögerungen, aber dann, am 24.02.206 war es soweit:
Vier Gehörlose haben während des gesamten Zeitraums aktiv an der Ausbildung zum Hamburg-Guide aktiv teilgenommen, drei von Ihnen haben anhand einer Prüfung einen qualifizierten und zertifizierten Abschluss erreicht und können nun als zertifizierte “Hamburg-Guides” Führungen in Deutscher Gebärdensprache in Hamburg anbieten.
Vielleicht hat es sich schon herumgesprochen, hierzu zählen Meike Aldag, Eckhard Bull und Julian Bleicken. Ihre Begeisterung und ihr Stolz - zurecht - sind nicht zu übersehen, wie die Fotos zeigen:
Wir gratulieren!
Von links nach rechts:
Malte Mischlich (HH-Guide e.V.), Julian Bleicken, Eckhard Bull, Meike Aldag und Sarah Janning-Picker (HH-Guide).
Über ein Jahr intensive gemeinsame Arbeit - mit Erfolg!
Eine kleine Abschiedsfeier in gemütlicher Runde fand im Hamburger Stadtkrug statt.
Engagement und Nachhaltigkeit
Aufgrund des großen Interesses und Engagements der gehörlosen “Auszubildenden”, nahmen einige zum 2. Mal an den öffentlichen Führungen zum Weltgästeführertag am 22.02.2026 teil und konnten hierdurch erneut ihre ersten eigenen Führungen für gehörlose Gäste erfolgreich unter Beweis stellen.
Das Wetter ist bei Stadtführungen nicht immer gnädig, daher war es gut, dass die Begrüßung der Gäste zum "Weltgästeführertag" im Trockenen (unten in der Rathauspassage) stattfinden konnte. Dann begann die Tour mit Schirm und Spannung am Rathausplatz (siehe Fotos)...
Derzeit wird noch geprüft, inwieweit dieses barrierefreie Angebot “Hamburger Führungen in Deutscher Gebärdensprache”, im Berufsverband organisatorisch und strukturell verankert und veröffentlicht werden könnte.
Auch zu anderen Institutionen wurde bereits Kontakt aufgenommen, um für diesen speziellen Bereich ein entsprechendes Netzwerk aufzubauen und Führungen anbieten zu können (z.B. Kooperation mit der Nikolaikirche).
Geplant ist ebenfalls die regelmäßige Teilnahme an Weiterbildungsmaßnahmen, wie sie monatlich über den Berufsverband für Hörende angeboten werden, sofern die Dolmetscheinsätze weiterhin finanziert werden.
Insofern gibt es, Dank der großzügigen finanziellen Förderung durch die Hildegard und Horst Röder-Stiftung - "Kultur für alle!", vermutlich deutschlandweit nun die ersten drei zertifizierten gehörlosen Stadtführer*innen in Hamburg. Diese Zertifikate sollen sogar europaweit und darüber hinaus anerkannt sein.
Ein großer und erster Schritt im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention und ein Zeichen aktiv gelebter Inklusion in Hamburg!
Alle Mitwirkenden auf einen Blick:
Von links nach rechts:
Malte Mischlich (HH-Guide e.V.), Susanne Bayer, Julian Bleicken, Eckhard Bull, Meike Aldag, Sarah Janning-Picker (HH-Guide) und Claudia Petersen (GLVHH).